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Wolfs Bekenntnis

Werner Wolf / Foto: André Kempner

Für den Musikwissenschaftler und Kritiker ist Leipzig die Heimstatt vieler bedeutender Komponisten.  

Richard Wagner ist Leipziger, hier wurde er am 22. Mai 1813 geboren. Bis 2013, wenn der 200. Geburtstag ansteht, wird regelmäßig eine Frau, ein Mann zum Thema "Mein Wagner" befragt. Heute: Werner Wolf, der Nestor der hiesigen Musikkritik.
Wolf lebt Musik. Seine 86 Jahre hindern ihn nicht daran, noch immer bei all den entsprechenden Ereignissen präsent zu sein. Meist schwingt er sich sogar auf seinen Drahtesel, um vom Zuhause in Schleußig in die City zu kommen. Das schlohweiße Haar weht im Fahrtwind.
Per Fahrrad zu Richard Wagner? Der Kritiker, der Leipziger Musikgeschichte der vergangenen Jahrzehnte gestaltete und erlebte, lacht. Und wird schnell wieder ernst, will weder von der "Bach-Stadt" noch von "Mein Wagner" sprechen, sagt: "Ich finde es traurig, dass in Leipzig noch immer je nach Gusto einzelne Komponisten hervorgehoben werden. Es sollte Bach und Mendelssohn und Schumann und Wagner und Lortzing und, und, und heißen."
Wolf stammt aus dem Vorerzgebirge und ist Leipziger seit 1946. Er kam zum Studium an die Musikhochschule (Hauptfächer Klavier und Klarinette). Nach den Examen studierte er Musikwissenschaften an der Universität. Wolf schrieb für die Presse, auch für diese Zeitung. 13 Jahre war er Redaktionsmitglied und von 1966 bis 1990, als er in Rente ging, erst Mitarbeiter und dann Uni-Professor. 
Aus einfachen Verhältnissen stammend, war es für Wolf vor allem Spaß, Klavier spielen zu können. Sein Vater, 1933 ein Arbeiter in Kurzarbeit, sparte sich für den Sohn das Instrument vom Munde ab. "Ich war wohl das einzige Arbeiterkind im Ort Grüna mit seinen 7000 Einwohnern, das ein Klavier und sogar Unterricht hatte", erinnert sich der bis heute begeisterte Musikus.
Wagner und Wolf? Der Oldie bemüht die lang vergangene Historie, um von seiner "Initialzündung" für diesen Komponisten zu sprechen: "Ich war wohl elf. Zur Klavierschule gab es ein so genanntes Salonalbum. Da waren Schmonzetten drin, aber auch der Abendstern aus dem Tannhäuser. Ich besuchte regelmäßig für 50 Pfennige die Chemnitzer Oper, sah den Freischütz und mit dem Holländer 1941 meinen ersten Wagner." Wolf interessiert(e) dessen Vita wie seine Werke. Auch mit Wagners Wirkung bei den Nazis setzt(e) sich der Musikwissenschaftler auseinander. Wolf heute zu einem noch immer brisanten Thema: "Hätte Hitler Wagners schonungslose Kritik an Besitz und Machtgier, an Gier nach Weltherrschaft im Ring und einer auf Liebe gegründeten Gemeinschaft verstanden, dann hätte er ihn verbieten oder eine gänzlich andere, eine humanistische, friedliche Politik machen müssen." Wolf widersprach und widerspricht den all zu einfachen Argumentationen und fragt lieber: "Wie war es wirklich?" Dazu hatte er schon seine Promotionen verfasst.
Wolf ist sich, weil wissend, sicher in seinem Urteil: "Man hat Wagner entstellt. Darunter hat er bis heute zu leiden. Er war nicht so deutschnational wie er meist hingestellt wird, sondern im Gegenteil weltoffen. Wagner hat sich mit den Fragen der Zeit auseinandergesetzt. Auch mit dem Judentum. Seine abwertenden Anmerkungen hat er später korrigiert. So nennt er Mendelssohns Hebriden-Ouvertüre eines der schönsten Stücke der Tonkunst."
Auch in der DDR wurde Wagner, weil die Theater es wollten, gespielt. Er sei mehr aufgeführt und besser besucht worden als heute. Das habe mit der Qualität der Inszenierungen zu tun. So habe Joachim Herz mit seinem Ring Maßstäbe gesetzt. Mit den "Wagnerianern" kann Wolf nicht viel anfangen. Damit sei ein allzu einseitig auftretender Klub gemeint. Wolf mag Wagner, aber auch all die anderen Ton-Meister: "Leipzig kann froh ob seiner Vielfalt sein. Wer weiß schon, dass zu Beethovens Lebzeiten Leipzig die Beethoven-Stadt war. Die meisten seiner Symphonien sind hier und nicht in Wien gespielt wurden. Noch im letzten Lebensjahr des Meisters wurde, als auch die Neunte vorlag, der komplette Zyklus aufgeführt."
Apropos Radfahren. Der Geist sei noch willig, den Körper aber müsse man trainieren, sagt Wolf. Samt Liegestützen. Was hat das mit Wagner zu tun? - "Sage keiner, dass es nicht auch physische Kraft verlangt, seine Opernwerke zu ertragen." Mit Blick auf 2013 stellt Wolf fest, dass es zwar viele Initiativen gibt, momentan aber mehr geredet als getan werde. Richtig kann er sich übers künftige Wagner-Denkmal aufregen. Noch hofft er, dass der Entwurf von Stephan Balkenhol verhindert wird. Und wenn nicht? "Dann nicht. Ich habe noch andere Dinge ausgehalten in meinem Leben."

Thomas Mayer

LVZ vom 23.1.2012

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