Kontakt | Impressum

Unvergessen dieses Adagietto

Wolfgang Kunz / Foto: André Kempner

Stadtplanungsamt-Chef Wolfgang Kunz ist ein großer Kenner der klassischen Musik.
Richard Wagner ist Leipziger, denn hier wurde er am 22. Mai 1813 geboren. Bis 2013, wenn der 200. Geburtstag ansteht, wird monatlich einmal eine Frau, ein Mann zum Thema "Mein Wagner" befragt. Heute: Wolfgang Kunz, Leiter des Planungsamtes der Stadt Leipzig. "Mein Wagner?" - Wolfgang Kunz überlegt nur kurz und sagt dann eindeutig: "Ich bin kein Wagnerianer, mein Wagner heißt Mozart. Dieser Komponist steht in meinem privaten Ranking auf dem Spitzenplatz und damit selbst vor Bach."
Kunz, Chef des Leipziger Stadtplanungsamtes, ist ein großer Musikfan und weiß so viel über Komponisten und deren Werke, dass man geneigt ist, den berühmten Hut zu ziehen. Beethovens 32 Klaviersonaten kennt er aus dem Effeff,Geburts- und Sterbedaten der klassischen Meister hat er aufrufbar bereit, er verblüfft die Profis, wenn er beispielsweise Brahms Sinfonien mit den Opus-Zahlen benennen kann. Spielt man Kunz ein Musikstück vor, kann er meist nach wenigen Takten sagen, worum es sich handelt, und ist das ausnahmsweise nicht der Fall, liegt er mit dem Namen des Kompositeurs im grünen Bereich. Als jüngst in Leipzig das Mahler-Festival stattfand, gehörte Kunz zu jenen, die sich rechtzeitig ein Abonnement für alle Konzerte gesichert hatten. Noch heute schwärmt er von diesem zweiwöchigen Kunstgenuss: "Unvergessen dieses Adagietto aus Mahlers fünfter Sinfonie, was uns ja auch als Filmmusik vom ,Tod in Venedig' bekannt ist." Aber selbst beim Mahler-Schwärmen kommt Kunz nicht an Maestro Mozart vorbei: "Vergleichbar phänomenale Wirkung mit einem Drittel der Musiker und einem Viertel der Noten."
Da spricht einer, der unglaublich tief im Stoff steht. Musik gehört zu Kunz' Leben. Viel hätte dabei nicht gefehlt, und aus dem späteren Diplom-Ingenieur wäre ein Musikus geworden. Mit Blick zurück ist der Junge aus Delmenhorst aber doch froh, so und nicht anders entschieden zu haben. Schon als Oberschüler hatte es ihm die so genannte E-Musik angetan. Wenn er die Schulbank drücken musste, hatte die Mutter daheim die Aufgabe, die klassische Musik auf Band aufzunehmen. Das war Pflicht, weil sich der Erwerb von Langspielplatten zum Preis von 25 Mark vom Taschengeld nicht realisieren ließ. Kunz ist natürlich all die immer rascher Ereignis werdenden Entwicklungsschritte der Technik mitgegangen. Er besitzt noch heute seine alten Tonbänder, dazu Hunderte von Platten samt Plattenspieler und mittlerweile über 2500 CD. Die stehen im heimischen Regal geordnet nach den Geburtsjahren der Komponisten. Von der Renaissance-Musik bis zur klassischen Moderne hat er alles in mehreren Aufnahmen parat und staunt immer wieder, wie unterschiedlich ein- und dasselbe Werk von den verschiedenen Interpreten in den verschiedenen Zeiten dargeboten werden kann. Und was ist denn nun mit Richard Wagner? Kunz bekennt: "Die leichteren Opern von ihm wie den Holländer, die Meistersinger und Tannhäuser habe ich gesehen, und seine Wesendonck-Lieder schätze ich sogar sehr. Den Ring habe ich mir aber noch nicht zugemutet. Und das auch, weil ich kein Fan der großen Festivals wie Bayreuth oder Salzburg bin", sagt Kunz. Dass Wagner ein Leipziger ist, weiß er aber nicht erst, seit er in diese Stadt kam. Für den hier geborenen Komponisten gibt es laut Kunz durchaus noch "Luft nach oben.
Zum Glück scheinen ja nun die drei Vereine zusammen was bewegen zu wollen". Und würde so was, wie es jüngst
für Mahler inszeniert wurde, auch für Wagner gemacht, hätte auch das beste Chancen auf Erfolg. Jüngst war Kunz sogar mal ganz dicht dran an diesem Komponisten. Er war für die Stadt Leipzig Mitglied der Jury fürs Wagner-Denkmal und stimmte für den Balkenhol-Entwurf. Kunz bemängelte freilich am Wettbewerb, dass von den einst angesprochenen neun bildenden Künstlern nur drei ihre Entwürfe eingereicht hatten. Von Balkenhols Wagner verspricht er sich vor allem dann sehr viel, wenn irgendwann das einstige Stasi-Gebäude nicht mehr stehen und die Plastik samt Klingers Sockel und Treppe den Eingang zur Stadt bilden werden. Demnächst hat Kunz für seine "lebenslange Begeisterung" so richtig Zeit. Am 31. Oktober sagt er nach 20 Jahren Dienst für Leipzig, weil im Rentenalter angekommen, dem Planungsamt Valet. Weil er sich aber topfit fühlt, würde er zu gern weitermachen. Doch das sieht nun mal das Arbeitsrecht nicht vor. "Schade", sagt Kunz.
Thomas Mayer

LVZ vom 17.08.2011

Zurück