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Plädoyer für den ganzen Klinger

Reinhard Pfundt / Foto: privat

Reinhard Pfundt berichtet, wie er zu Richard Wagner kam und dessen Kunst seit Jahrzehnten schätzt. 
Richard Wagner ist Leipziger, denn hier wurde er am 22. Mai 1813 geboren. Bis 2013, wenn der 200. Geburtstag ansteht, wird monatlich um den 22. eine Frau, ein Mann zum Thema „Mein Wagner“ befragt. Heute: Reinhard Pfundt, Professor für Komposition und Tonsatz an der Hochschule für Musik und Theater Felix Mendelssohn Bartholdy.
Reinhard Pfundt ist gerade 60 geworden. An seine erste Begegnung mit der Musik Richard Wagners erinnert er sich, obwohl das nicht nur ein paar Jahre her ist: „Ich war zwölf und erlebte in meiner Geburtsstadt Burgstädt ein Konzert anlässlich Wagners 150. Geburtstag. Diese Musik hat mich seither nicht mehr losgelassen.“ Als junger Mann - andere zogen damals über die Tanzdielen und hörten Beatmusik - nahm Pfundt auf Tonband die Übertragungen von den Bayreuther Festspielen auf. Es sang damals nicht nur der West-Star Wolfgang Windgassen, sondern auch die Ost-Exporte Theo Adam und Peter Schreier.
1969 kam Pfundt nach Leipzig, er studierte Komposition und wurde ein Hiesiger, der natürlich Bach verehrt, neben diesen Giganten aber immer auch Wagner stellt. Nicht unerheblich hat zu dieser Beziehung Opern-Regisseur Joachim Herz beigetragen: „Der Holländer, Lohengrin, der Ring - und das alles so, dass man Wagner hört und sieht und nicht wie leider heute so oft nur die Selbstverwirklichung der Regisseure erleben muss.“
Pfundt ist nicht nur von Berufs wegen und als „absoluter Verfechter der Tonalität“ der Freund Wagners. Für den Wagner-Verband organisiert er mit seinen Kenntnissen und Verbindungen die Vortragstätigkeit. „Wie sich Leipzigs Bürgertum für Wagner einsetzt, ist eine sehr schöne Geschichte. Ich habe dabei den Eindruck, dass sich durch dieses Engagement die Stadt getrieben sieht, für ihren eigentlich nicht so geliebten Sohn doch etwas zu tun“, sagt Pfundt.
Gleich drei Vereine wirken bekanntlich derzeit für Wagner - und das meist Ton in Ton. David Timms Gesellschaft hält das künstlerische Erbe hoch, der Verband sieht mehr das große Ganze und plant schon den Internationalen Wagner-Kongress 2013, und der Denkmal-Verein will dafür sorgen, dass Leipzig ein neues Komponisten-Denkmal bekommt.
Dieser Fakt an sich erfreut Pfundt. Doch damit ist auch schon Schluss mit lustig. Für den Entwurf von Stephan Balkenhol kann er sich nicht begeistern, ja, wenn das Kunstwerk wirklich so wie in einem Modell zu sehen entstehe, werde das Max Klinger und Richard Wagner beschädigen. „Altes mit Neuem zu verbinden, ist spannend, und es kann auch funktionieren. Beispiele dafür gibt es genug. Im konkreten Fall verstehe ich es aber nicht, wieso sich die Stadt Leipzig, die auch eine Max-Klinger-Stadt ist, nicht dazu durchringen kann, den Entwurf Klingers von vor gut 100 Jahren zu komplettieren. Es gibt diesen wunderschönen Sockel, und es gibt einen Entwurf einer Wagner-Figur. Wenn nun gesagt wird, Klinger ist an dem Denkmal gescheitert, so stimmt das nicht. Er ist gestorben und konnte es deshalb nicht vollenden“, lautet Pfundts Kritik. Zum Balkenhol-Wagner fällt ihm noch ein: „Bitte nicht auf Klingers Sockel. In einer Publikation des Museums für bildende Künste über eine in Besitz des Hauses befindliche Balkenhol-Figur steht geschrieben: Was ist das Besondere an Balkenhols Standbildern? Dass sie so nichtssagend sind.“
Bei der Denkmal-Debatte stellt sich für den Musik-Professor vor allem eine Frage: „Warum ist der Freundeskreis Max Klinger gegen Klingers Wagner, wenn andererseits dieser Künstler im Bildermuseum mit seinem Beethoven und weiteren Werken opulent vertreten ist?“
2013 naht, wie auch immer. „Wahrscheinlich werde ich mit dem Balkenhol-Wagner leben müssen. Mitunter sind aber auch Denkmale nicht von Ewigkeit“, sagt sich Pfundt. Für 2013 ist es für ihn ohnehin nicht das Wichtigste, ob ein neues Denkmal entsteht. Wagner muss an der Oper stattfinden, und dabei so, dass man ihn als Gesamtkunstwerk erkennt. Pfundt denkt über eine Komposition für Richard, den Leipziger, nach. Oder, wenn das doch nichts wird, motiviert er vielleicht einen seiner aus aller Welt kommenden Kompositionsschüler. Auch in China oder in Südkorea ist Wagner kein Unbekannter.  
Thomas Mayer

LVZ vom Juli 2011

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