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Holder Abendstern

Ursula Oehme

Ursula Oehme schwärmt nicht nur für Richard Wagner, sie tut auch viel für ihren Lieblingskomponisten. 

Richard Wagner ist Leipziger, denn hier wurde er am 22. Mai 1813 geboren. Bis 2013, wenn der 200. Geburtstag ansteht, wird einmal im Monat eine Frau, ein Mann zum Thema "Mein Wagner" befragt. Heute: Ursula Oehme, eine große Verehrerin des Komponisten.

Wenn morgen in die Alte Nikolaischule zum Notenspur-Salon geladen wird, tritt auch Ursula Oehme auf. Die bekennende Wagnerianerin wird dann Elsa von Brabant, die Protagonistin aus Wagners "Lohengrin"-Oper, sein. Die Rolle passt zu ihr - auch optisch. 

"Richie", wie sie ihren am meisten verehrten Komponisten liebevoll nennt, begleitet Ursula Oehme schon ihr Leben lang und wird es bestimmt auch weiter tun. Sie wurde in Aussig (Usti nad Labem) geboren. Die Stadt an der Elbe liegt zu Füßen des Schreckensteins, dem nicht nur mit einem romantischen Ölbild der Maler Ludwig Richter ein Denkmal setzte. Auf dem Fels im Elbtal war auch Richard Wagner zu Gange. Hier schrieb er am 22. Juni 1842 den Prosa-Entwurf zur "Tannhäuser"-Oper, die er damals noch "Der Hörselberg" nennen wollte. Ein Gedenktafel erinnert bis heute an Wagners luftigen Aufenthalt. Jüngst kehrte Ursula Oehme via Elbdampfer wieder mal an ihren Ursprung zurück, schaute rauf und erinnerte sich daran, dass sie auch in den Gärten der Tanten an den Hängen des Schreckensteins ihre Kindheitstage verlebte.

Die toughe Frau entstammt einer deutsch-tschechischen Familie. Als Flüchtlinge/Vertriebene kamen die Landauers nach dem Zweiten Weltkrieg nach Erfurt, ihre Wohnung war zwar leer, ein Klavier stand aber drinnen. Mutter spielte "fantastisch" drauf, und Vater war Opernfan. Er arbeitete bei der Stadt-Kämmerei. "Ich besuchte ihn und bestaunte im Rathaus ein wunderbares Wandgemälde mit Tannhäuser, Faust und Luther. Wir gingen sehr oft ins wunderschöne Opernhaus", erzählt Oehme. Bald kam sie nach Leipzig, studierte hier Kulturwissenschaften/Germanistik und war fortan im Leben dieser Stadt präsent, dabei auch mal im Stadtgeschichtlichen Museum mit Zuständigkeit für Öffentlichkeitsarbeit und Publikationen. 

Immer spielte Wagner eine dominante Rolle. "Ich schätze mich glücklich, in den 70er-Jahren den ,Ring' von Joachim Herz gesehen zu haben. Der Andrang nach Karten war riesig. Ich hatte nicht mal vier Abendkleider für die vier Aufführungen, was für mich eine mittlere Katastrophe darstellte. Die Aufführungen empfand ich trotzdem als atemberaubend", erinnert sie sich. Oehme besuchte auch das Publikumsgespräch - der Saal in der Elsterstraße war rappelvoll - und wagte sich, Maestro Herz anzusprechen: "Meine schüchterne Frage nach den Goldbarren als Symbol des Kapitalismus wurde von ihm huldvoll beantwortet."

Später hatte Oehme Gelegenheit, mit ihm zusammenzuarbeiten. Für den hiesigen Richard-Wagner-Verband übernahm sie die Aufgabe, die Publikationsreihe des Vereins auf den Weg zu bringen. Auch heute ist sie, nun selbst Vereinsmitglied, damit betraut. Sie sitzt also, wenn die Zeit wieder mal ran ist, oft bis tief in die Nacht am Computer. All die Publikationen, so auch ihr eigener Stadtrundgang "Wagnerwege in Leipzig", bei dem sie vier und nicht, wie oft behauptet wird, nur einen authentischen Wagner-Ort benennt, waren und sind schließlich druckreif zu machen. 
"Die Wagner-Familie bedeutet mir viel. Es sind aufgeschlossene Menschen", weiß die Fachfrau. Und sagt lächelnd: "Nie sollst du mich befragen." Schon wieder "Lohengrin"!? Elsa, Pardon, Ursula Oehme war doch, wie zu lesen, auskunftsfreudig. Für "Richard" tun Sie alles? - "Sehr viel!" - Wie geht Ehemann Günter, der als Gärtner und Fuhrunternehmer profane, besser, bodenständige Beruf hatte, mit so einem "Wagner-Tick" um? - "Er akzeptiert mich mit ihm. Wenn ich in Bayreuth stundenlang im Festspielhaus sitze und schwitze, vertreibt er sich draußen im Park die Zeit und bringt mir in den Pausen den gut gefüllten Picknick-Korb. Ich will damit sagen: Wagner liegt nicht zwischen uns." 

"Tannhäuser" war und ist ihre Lieblingsoper - und das wirklich nicht nur wegen der Schreckenstein-Geschichte, sondern vielmehr wegen der für sie schönsten Opernarie: "O du, mein holder Abendstern". Wolfram von Eschenbach, der Minnesänger, huldigt Elisabeth. Ursula Oehme leuchten die eh schon funkelnden Augen noch mehr: "Wagner, das ist doch Erlösung durch Liebe. Und so was kann ja, wie wir wissen, zur Droge werden." 

Thomas Mayer

LVZ vom 24.2.2012

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