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Freund, nicht Fan

Martin Oldiges
Martin Oldiges / Foto: André Kempner

Der Jurist Martin Oldiges hat Richard Wagner schätzen gelernt - nicht zuletzt auf einer Reise nach Königsberg. 
Richard Wagner ist Leipziger, hier wurde er am 22. Mai 1813 geboren. Bis 2013, wenn der 200. Geburtstag ansteht, wird monatlich eine Frau, ein Mann zum Thema "Mein Wagner" befragt. Heute: Martin Oldiges (70), Jura-Professor i.R., Vorsitzender der Stiftung Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig.
Martin Oldiges ist Freund, nicht Fan. Als er vor wenigen Tagen mit Leipziger "Wagnerianern" per Bus nach Königsberg fuhr, um sich dort auf die Spuren des in Leipzig geborenen Komponisten zu begeben, war daran zuvorderst auch nicht Richard, der Leipziger, schuld. 
Oldiges ist geborener Ostpreuße, stammt zwar nicht aus Königsberg, sondern aus dem gut 100 Kilometer entfernten Tilsit. "Back to the roots", sagt er sich also. Wagner, der einst in Königsberg Hochzeit feierte, war auf der Reise in die Erinnerung "schmückendes Beiwerk". Oldiges: "Diese erste Reise in die eigene Kindheit war für mich mit einem merkwürdigen Gefühl verbunden, denn man hat ja doch noch Erinnerungen, wenn die auch weit entfernt sind. Was ich aber in Königsberg, die Ausnahme ist der wunderbar wieder aufgebaute Dom, gesehen habe, hat mich sehr erschüttert. Es ist eine Stadt, die im Krieg schlimm zerstört wurde und es heute sehr schwer hat, ihr neues Gesicht zu zeigen." Oldiges schwärmt indes vom Konzert Richard Wagners zu Ehren im vor allem mit deutschen Spenden zum Konzerthaus umfunktionierten Dom. Eine vom Leipziger Wagner-Verband gesponserte Tafel erinnert jetzt in dem Haus an den Aufenthalt des großen Komponisten in dieser Stadt.
"Ich habe erst relativ spät zu Richard Wagner gefunden, was ich eigentlich bedauere. Am Anfang standen für mich die eher populären Opern der Meistersinger und des Holländers. In Wagners Bann wurde ich durch ein Film über die Ring-Inszenierung von Pierre Boulez gezogen. Ein kleiner Satz hat mich besonders fasziniert: Fafner singt im Siegfried ,Hier lieg' ich und besitzt.' Da liegt doch so viel Kapitalismus-Besitz wie im ganzen Marx drin", sagt Oldiges. 
Er bedauert, dass in Leipzig Wagners Ring nur mühsam zusammen kommt und hofft, dass dem weltweit meist gespielten Opern-Komponisten wenigstens in seinem Jubiläumsjahr 2013 entsprechend Ehre zu Teil wird. "Wagner gehört zum reichen Kulturangebot, das man in Leipzig genießen kann. Warum sich aber diese Stadt noch immer so schwer zu, zu Wagner zu finden, das kann ich nicht sagen. Vielleicht hat er ja hier zu wenige Spuren hinterlassen. Das mag ein Grund sein, ist aber niemals eine Entschuldigung. Goethe hat zu seiner Geburtsstadt Frankfurt am Main auch wenig Beziehungen, und doch ist die Stadt Goethe-Stadt", so Oldiges.
Freund, nicht Fan. So steht es auch ums Engagement des emeritierten Jura-Professors der Leipziger Universität für seine neue Heimatstadt Leipzig. Schon 1990 als "Lufthansa-Professor" (sie flogen früh zur Vorlesung ein und am Abend wieder weg) aus Bielefeld nach Sachsen gekommen, kommt es ihm und seiner Frau nun nicht mehr in den Sinn, Leipzig wieder zu verlassen. Man ist längst angekommen, hat ein schönes Zuhause in einem wunderbar hergerichteten Bürgerhaus. In seinem wichtigsten Ehrenamt steht Oldiges der Stiftung Universitätskirche St. Pauli vor. "Wir mischen uns nicht ins aktuelle Baugeschehen ein, sondern wollen dafür sorgen, dass der Kirche-Aula-Bau später vielfältig genutzt werden kann", sagt Oldiges. Die Stiftung trägt dazu bei, dass das Geld für die Schwalbennestorgel, die im Andachtsraum des Neubaus am Augustusplatz ihren Platz finden wird, zusammen kommt. 
Zurück nach Königsberg. Auf seiner Tour dorthin hat Oldiges erfahren, dass das Schloss der ostpreußischen Metropole auch 1968 gesprengt ¬worden war. Oldiges "seltsam berührt": "1968 war wohl das Jahr solcher Schandtaten. Für Leipzig, wo in jenem Jahr die Universitätskirche vernichtet wurde, bin ich froh, einen Neubau entstehen zu sehen, der deutlich an eine Kirche erinnert." In ¬Königsberg denkt man darüber nach, das Schloss wieder aufzubauen. 
Thomas Mayer

LVZ vom 27.09.2011

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