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Felix statt Richard

Jürgen Ernst / Foto: André Kempner

Jürgen Ernst, Chef im Mendelssohn-Haus, über geliebte und nicht so geliebte Komponisten. 
Richard Wagner ist Leipziger, denn hier wurde er am 22. Mai 1813 geboren. Bis 2013, wenn der 200. Geburtstag ansteht, wird monatlich eine Frau, ein Mann zum Thema "Mein Wagner" befragt. Heute: Jürgen Ernst (56), Direktor des Mendelssohn-Hauses.
Ernst ist Leipziger und Musik-Intimus. Er kennt die Notenspuren, die Komponisten hier hinterlassen haben. Und er hat seine Favoriten. Mit dem Mendelssohn-Haus steht er sogar einer weltweit renommierten Institution vor, die täglich geöffnet ist, wo an jedem Wochenende Konzert etc. stattfinden und wo pro Jahr gut 40000 Besucher gezählt werden. Ernst: "Dieses Haus zählt deutschlandweit zu den ganz wenigen historisch-authentischen Orten, mit denen an große Musiker erinnert wird. Diese Haus hier ist Mendelssohn, die Treppe, der Fußboden, die Raumgestaltung. Alles Felix."
Und Wagner? Ernst wird ernster, was sonst. Eigentlich hatte er sogar Bedenken, sich in dieser Zeitungsserie zu äußern. Der Mendelssohnianer sagt also zunächst: "Für mich müsste der Serientitel in ,Wagner und ich' umbenannt werden. Denn mit meinem Wagner ist das so eine Sache." Ernst denkt zunächst auch nicht an Wagner, sondern an andere Komponisten, die in Leipzig wirkten. Telemann war Opern-Kapellmeister, Bach 27 Jahre Thomaskantor, Clara Schumann wurde hier geboren, Robert zog später zu, Mendelssohn war zwölf Jahre Gewandhauskapellmeister und hat in dieser Zeit das Konzertwesen revolutioniert, Lortzing war Opern-Kapellmeister, Mahler ebenso, Reger Hochschulprofessor, Janacek und Grieg waren in Leipzig tätig. 
Und Richard Wagner wurde hier geboren, wäre anzufügen. - "Natürlich", sagt Ernst, "auch das stimmt, und das ist auch bedeutend für diese Stadt. Auch Wagner gehört zur Musikstadt Leipzig, denn Leipzig ist nicht Bach-, noch Mendelssohn-, noch Wagner-Stadt - Leipzig ist Musikstadt. Dafür will ich immer wieder werben." 
Ernst hatte das Abitur 1973 in Leipzig abgelegt. Danach arbeitete er zunächst als Bühnenhandwerker und Beleuchter am Opernhaus. Er kam mit der Ring-Inszenierung von Joachim Herz in Kontakt. Ernst: "Das hat mich beschäftigt. Es gibt sicher Opern, die man drei Jahre später vergessen hat, das passiert einem mit Wagner sicher nicht." Dass Wagner in Leipzig geboren wurde, macht ihn für Ernst nicht "sehr besonders". Natürlich sei er auch heute weltweit einer der am meisten ge spielten Opern-Komponisten, doch Ernst konnte sich nie richtig anfreunden mit Wagners pathetisch-heroischer Kunst. Er zitiert Thomas Mann, der bezüglich Wagners Opernkunst von "mit äußerster Willenskraft ins Monumentale getriebenem Dilettantismus" sprach.
"Da ist doch was dran, ein musikalischer Einfall ausgeweitet auf 20 Minuten, eher peinliche, banal-kleinbürgerliche Texte", merkt Ernst an. Natürlich könne Wagner nichts dafür, dass ihn die Nationalsozialisten missbrauchten, nur liefere er mit seinen Opern die Vorlagen für solche Vereinnahmungen. Ernst stellt sich die Frage nach der Verantwortung des Künstlers in der Gesellschaft, die ist für ihn ein wichtiges Thema: "Mendelssohn hat das Konservatorium gegründet, Wagner hingegen war zeitlebens der egozentrische Geist, der immer nur sich im Blick hatte und genau wusste, wie er das Publikum fangen konnte." Ernst will nicht verschweigen, dass in den Wagner-Opern hochspannende Gesellschaftskritiken, die man sogar philosophisch im linken Spektrum ansiedeln kann, ein Thema sind. Herr Direktor ist, wie zu hören, "hin- und hergerissen" bei Wagner, Banalität und Genialität kreuzen sich in einer Person. Letztlich sorgt aber Wagners immerwährender auf die Frauen reduzierter Erlösungsgedanke für eine eher kritische Sicht auf diesen Komponisten.
"Er ist ein Phänomen", gibt Ernst zu. Natürlich müsse er gespielt werden, ihn aber als Weihe-Komponisten zu sehen, sei nicht angemessen. Wie also mit Richard, Leipzigs schwierigem Sohn, umgehen? - "Was ich in den aktuellen Diskussionen falsch finde, ist die Tatsache, Leipzig hätte nie was für Wagner getan. Das Gegenteil ist eher wahr: Wagner war immer präsent. Als Musikstadt hat Leipzig mit Blick auf 2013 natürlich die Aufgabe, ihn entsprechend zu würdigen. Auch ich hätte mir den Ring gewünscht. Oder wir spielen seine wunderbaren romantischen Opern."
2013 wird auch im Mendelssohn-Haus Richards Geburtstag stattfinden. Das ist für Ernst aber heute noch Zukunftsmusik. Aktuell steht für ihn das Thomaner-Jubiläum an. Ob Mendelssohn, Bach oder Wagner, für alle sieht Ernst ein einendes Motto ihrer so unterschiedlichen Notenspuren: "Res severa verum gaudium - ein wahres Vergnügen ist eine ernste Sache. So steht es im Gewandhaus. Besser kann man es nicht ausdrücken."

Thomas Mayer

LVZ vom 26.11.2011

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